Die Schriftstellerin, promovierte Literaturwissenschaftlerin und Präsidentin des PEN-Zentrum Deutschland, Regula Venske im Gespräch mit Thalwil liest vor über ....

«Ich liege hier im Bett –
da werd ich dick und fett –
die Oma ist sehr nett ...»

Ist Ihnen als Kind vorgelesen worden?

Meine Mutter sang mir gelegentlich liebevoll, wenngleich ein wenig schief ein Gute-Nacht-Lied vor, mein Vater erzählte mir vor dem Schlafengehen frei erfundene Geschichten, und dann durfte ich als Betthupferl noch ein Pfefferminz aus seiner Jackettasche stibitzen (was gut für die Kinderseele, aber schlecht für die Zähne war). Daran, dass mir vorgelesen worden wäre, kann ich mich nicht erinnern. Aber ich hatte das Glück, in einer Familie mit vielen Büchern aufzuwachsen.

 

Zu den frühesten Erinnerungen aus Kindergartenzeiten gehört, dass ich, wenn ich krank das Bett hüten musste, Buchladen spielte. Dann hatte ich alle meine Schätze vor mir auf der Bettdecke ausgebreitet und pries sie meinen Puppen an; die aufbewahrten Bilderbücher (manche noch aus festem Pappkarton) weisen sämtlich ungelenk hineingekrickelte Auspreisungen auf, oft mit spiegelverkehrten Zahlen. Schöne Erinnerungen habe ich auch an das Verseschmieden vor dem Einschlafen mit meiner geliebten Großmutter mütterlicherseits, wenn wir sie in Hannover besuchten. Ich schlief dann in ihrem Zimmer und wir reimten um die Wette, bis eine einschlief – Verse von der Sorte, «Ich liege hier im Bett – da werd ich dick und fett – die Oma ist sehr nett ...» Meistens schlief sie vor mir ein, und ich hatte Gelegenheit, mir Reimwörter für «schnarchen» auszudenken.

 

Welche Leseerinnerung als Kind haben Sie, die Sie mit uns teilen möchten?

Im wunderbaren Roman «Timm Thaler oder das verkaufte Lachen» von James Krüss hatte es mir das Wort «Hintertreppenromantik» angetan. Ich hatte keine Ahnung, was das sein könnte, aber es klang wie eine schöne Verheißung. So etwas wollte ich auch unbedingt kennenlernen. Viele Jahre später, als ich zum Studium nach Hamburg ging und in einen Hinterhof im damals noch sehr heruntergekommenen Stadtteil Mottenburg zog – schräg gegenüber hatte der berüchtigte Frauenmörder Honka gewohnt, seine Festnahme lag erst ein Jahr zurück – da wusste ich: Jetzt hast du endlich deine Hintertreppenromantik! Beeindruckt in diesem Buch hat mich außerdem der Satz: «Verachte die Dummheit, wenn sie nicht gutmütig ist.» Eine Lebensweisheit, die auch im Erwachsenenalter noch taugt!

 

Welches Buch hat Sie als Kind oder Jugendlicher sehr beeindruckt?

Eins hervorzuheben wäre ungerecht allen anderen gegenüber. Aber ein spezielles Erlebnis hatte ich mit 16, als ich Sartre, «La nausée» las. Ich lag mit Fieber im Bett, schlief ein, träumte einen fiebrigen Traum, an den ich mich auch noch erinnere, und erwachte mit dem klaren Bewusstsein, dass es keinen Gott gibt.

 

Welche Autorin, welcher Autor hat Sie seit dieser Zeit besonders geprägt?

Ach, so viele. Manche aufgrund ihrer Werke, manche aufgrund ihrer Biographie. Und auch liebe Kolleginnen und Kollegen im realen Leben, denen zu begegnen ich das Glück hatte.

 

Welche Kinderbuchfigur würden Sie gerne im wahren Leben kennenlernen?

Lale aus meinem Buch «Lale und der goldene Brief».

 

Wo lesen Sie am liebsten?

Überall. Ich stelle aber seit einiger Zeit fest, dass es mir genauso geht, wie es die amerikanische Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf in ihrem Buch «Schnelles Lesen, langsames Lesen» beschreibt: Leider hat sich auch meine Lesepraxis in den vergangenen Jahren geändert. Als Jugendliche brachte ich die Konzentration auf, in langweiligen Schulstunden unterm Pult dicke Bücher wie zum Beispiel «Die Brüder Karamosow» zu lesen oder später, als junge Frau, in der Londoner U-Bahn «Die Verlobten» von Alessandro Manzoni in einer dtv Dünndruck-Ausgabe; jetzt zücke ich in vergleichbaren Situationen das Smartphone und gebe mich mit Push-Nachrichten zufrieden. Vor einigen Jahren schenkte mir eine Schulklasse (3. Schuljahr) bei einem Lesefest ein wunderbares selbst gefertigtes Buch mit Zeichnungen der Kinder von ihren liebsten Leseorten. Die meisten malten sich und ihre Kuscheltiere im Bett. Dort habe ich früher auch gern gelesen. Jetzt sind meine Augen abends oft von der Arbeit am Bildschirm angestrengt, ich gönne mir daher vor dem Einschlafen Lesungen aus den Audiotheken der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Da ich sowieso zu den stärker auditiv veranlagten Menschen gehöre, finde ich das ganz wunderbar.

 

Wie sehen Sie beim Lesen oder Vorlesen aus?

Mein älterer Sohn und ich

Foto: Agentur Gröninger

 

Was war ein witziges oder überraschendes Erlebnis während einer Ihrer Lesungen?

Manchmal sitzen überraschend Freunde aus meiner Jugendzeit im Publikum, da hat es schon manch unverhofftes, nettes Wiedersehen gegeben. Mit einer lieben Freundin aus der Kindergartenzeit bin ich seitdem wieder in engem Kontakt, als hätten wir uns nie aus den Augen verloren.

 

Welches Buch hat Sie in der Corona-Krise begleitet?

Das Buch, an dem ich derzeit schreibe! «Mein Langeoog», ein Buch über meine Kindheitsinsel Langeoog, das 2021 im Hamburger mare Verlag erscheinen soll.

Meine persönliche Frage an: Was wollten Sie immer schon Katja Alves fragen?

Was würde das Kind, das Sie einmal waren, Sie heute fragen?

 

Regula Venske: Lale und der goldene Brief, Gerstenberg Verlag 2003

Maryanne Wolf: Schnelles Lesen, langsames Lesen Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen, Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg Penguin Verlag 2018