Franz Hohler ist ein Mensch mit vielen Talenten. Seit vielen Jahren ist er weithin als Schriftsteller und Kabarettist bekannt sowie als Cellist und Liedermacher. Der grosse Meister der kleinen Form begeistert dabei Menschen über mehrere Generationen.

«Du musst das glauben, was du sagst.»

Ist Ihnen als Kind vorgelesen worden?

Ja, und zwar die Märchen der Brüder Grimm, und, woran ich mich fast besser erinnere, eine Sammlung arabischer Märchen.

 

Wer hat Ihnen vorgelesen?

Vor allem meine Mutter. Die Grimm'schen Märchen hat sie uns auf Mundart erzählt, hingegen hat sie die arabischen Märchen auf Deutsch vorgelesen. Sehr gut gefielen mir darin Erzählformeln wie «Am nächsten Morgen - guten Morgen, o Zuhörer, auch dir guten Morgen, o Erzähler! - am nächsten Morgen...» und dann ging es weiter in der Handlung. Meine Mutter versuchte jeweils die besonders grausamen Stellen, an denen etwa geköpft oder Hände abgehackt wurden, zu überspringen, aber mein Bruder und ich merkten es immer und verlangten, dass diese auch gelesen wurden.

Mein Vater las uns, als wir etwas älter waren, gern alemannische Gedichte von Johann Peter Hebel vor («Fast allmol, Ätti, wenn mer 's Röttler Schloss so vor den Auge stoht..»), oder an Ostern den Osterspaziergang aus Goethes «Faust» («Vom Eise befreit sind Strom und Bäche»), und an Pfingsten den Anfang von Goethes «Reineke Fuchs» («Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen..»).

Ludwig Thomas «Lausbubengeschichten» kamen manchmal in die Ferien mit.

Welche Leseerinnerung als Kind haben Sie, die Sie mit uns teilen möchten?

Das Lesen an sich war für mich als 7 oder 8jähriger eine grosse Entdeckung. Dass einem Buchstaben das Tor zur Welt öffneten, dass man mit ihnen Wüsten durchqueren und Berge besteigen und Ozeane überqueren konnte, war für mich eine wichtige Erfahrung.

 

Welches Buch hat Sie als Kind oder Jugendlicher sehr beeindruckt?

Ich hatte gerne Bücher, welche die Wirklichkeit hinter sich liessen, wie «Gullivers Reisen» aber auch Bücher, die von völlig anderen Welten erzählten wie «Robinson Crusoe», «Stanleys grosse Fahrt», «Der Schatz im Silbersee»

 

Welche Autorin, welcher Autor hat Sie seit dieser Zeit besonders geprägt?

Erich Kästner mit seinem Humor und seiner unbeschwerten Fantasie. Dass ein schräger Onkel eine Schranktür öffnen konnte, hinter der man auf einer Treppe mühelos in die Südsee hinunterstieg, machte «Der 35. Mai» zu einem meiner Lieblingsbücher. Vielleicht ist mein erster Kinderroman «Tschipo» ein fernes Echo darauf.

 

Welche Kinderbuchfigur würden Sie gerne im wahren Leben kennenlernen?

Keine. Der Witz der gelungenen Figuren ist ja gerade, dass man sie sich vorstellt, dass man sie zu imaginären Freunden macht. Träfe man sie in Fleisch und Blut, wäre dies nur eine Enttäuschung. Schon eine Verfilmung ist eine Falle. Für mich ist Klaus Schädelins Buch «Mein Name ist Eugen» lustiger als der gleichnamige Film.

 

Wo lesen Sie am liebsten?

Im Bett, vor dem Einschlafen, bis mir die Augen zufallen, oder nachts zwischen drei und vier Uhr, wenn ich erwache und nicht mehr schlafen kann.

 

Wie sehen Sie beim Lesen oder Vorlesen aus?

Von mir im Bett hab ich kein Foto, also schicke ich eines von mir als Vorleser. Ein junger Rapper hat mich mal nach einem Tipp gefragt, und ich habe ihm gesagt: «Du musst das glauben, was du sagst.» Das verlange ich auch von mir, und ich hoffe, man sieht es dem Bild an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was war ein witziges oder überraschendes Erlebnis während einer Ihrer Lesungen?

Als ich einmal im Stadttheater Biel meine Ballade «Der Besuch in der Hölle» vortrug, flatterte plötzlich eine Fledermaus über die Bühne, und als ich mit dem Text zu Ende war, verschwand sie wieder. Es muss sehr überzeugend gewirkt haben, denn Leute aus dem Publikum fragten mich nachher, wie ich das gemacht habe.

 

Welches Buch hat Sie in der Corona-Krise begleitet?

Es waren drei Lebensbücher:

Alexander Granach, Da geht ein Mensch

Livia Anne Richard, Anna, der Indianer

Monika Helfer, Die Bagage

Jedes dieser Bücher erzählt auf seine Weise von einem Menschenleben und allem, was sich ihm entgegenstellt.

Eigentlich habe ich erst nachher gemerkt, dass sie für die ungewohnte Situation recht hilfreich waren.   

Meine persönliche Frage an: Was wollten Sie immer schon Regula Venske fragen?

Kommen Sie, seit Sie deutsche PEN-Präsidentin sind, weniger zum Schreiben? Wie trennen Sie die beiden Tätigkeiten? Räumlich? Zeitlich? Dies fragt Sie jemand, der sich immer gegen ein grösseres Amt gewehrt hat (und der im übrigen auch PEN-Mitglied ist)...

Lorenz Pauli fragt Franz Hohler:

Lieber Franz! Ich kenne dich als Erzähler, als Schriftsteller, als Musiker. Malst du auch?

Ja, ich zeichne gern und mache gern Collagen.  

Kochst du kreativ?

Ja, ich koche gern, und eigentlich glaube ich, kochen kann man gar nicht anders als kreativ. Eine Suppe zu machen aus dem, was grad vorhanden ist, grenzt an eine literarische Improvisation.

Haust du Stein?

Nein, das nicht auch noch.

Nähst du?

Ui, ich kann nicht einmal einen Knopf annähen!

Modellierst du?

Auch nicht.

Deinem Kopf traue ich zu, dass in ihm unendlich viel Eigenes wächst. Ach ja: Bist du ein Gärtner?

Gärtner ist zuviel gesagt. Aber ich liebe meinen Garten, den ich in einem Zustand der Halbverwilderung zu erhalten versuche. Aus seinen Holderblüten mache ich Sirup, aus seinen Kirschen Konfitüre, aus seinen Brennnesseln Suppe. Für die Bepflanzung unserer beiden Balkone mit Cherry-Tomaten, Pfeffermünze, Schnittlauch und bienenfreundlichen Blumen bin ich zuständig, ebenso für den Kompost mit seiner faszinierenden Fähigkeit, Zerfallendes und Faulendes in Fruchtbringendes zu verwandeln.